Freitag, 27. November 2015

Verbotene Fröhlichkeit und falsch verstandener Glaube



Heute geht es um das Tanzverbot am Totensonntag oder das Tanzverbot am Karfreitag. Warum gibt es das? Welchen Ursprung hat das Tanzverbot? Und: Warum gibt es das immer noch?

Letzten Sonntag fand er wieder statt, der Gedenktag für alle Verstorbenen. Im Volksmund spricht man vom Totensonntag, die Kirche spricht hingegen vom Ewigkeitssonntag. Für die Christen endet mit diesem Sonntag das Kirchenjahr, das mit dem 1. Advent von vorn beginnt. Dieser Tag im Jahr bietet uns die Zeit zu trauern um liebe Verwandte oder um zu erinnern an Verstorbene. Eine schöne Tradition, die übrigens der Preußische König Friedrich Wilhelm III. 1816 begründete.

Von der Regierung wurde festgelegt, dass der Totensonntag und andere Trauertage besonders geschützt sind. In den Feiertagsgesetzen der Bundesländer wird der Totensonntag als Trauertag zum „stillen Feiertag“ erklärt. Das Tanzverbot betrifft je nach Bundesland meistens die Karwoche um den Karfreitag herum, den Volkstrauertag, den Totensonntag aber auch Heiligabend. Baden-Württemberg und Hessen hat es am schlimmsten getroffen, da gilt das Tanzverbot an fast allen Feiertagen. Und dann sind nicht nur Partymusik und Tanz, sondern sogar Sportveranstaltungen verboten. Die Begründung war anfänglich, dass bestimmte Tänze nicht schicklich sind und dass Tanzen an Trauertagen zur Verrohung der Sitten beitrüge. Das Gesetz stammt aus dem Jahr 1952. Damals waren Tanzveranstaltungen - insbesondere auf dem Land - deutlich hörbare Veranstaltungen in Zelten und Sälen.

In den letzten Jahren stießen immer wieder verschiedene Gruppen an, das Tanzverbot zu beenden oder zu lockern, darunter die Piratenpartei, die jungen Grünen und Teilnehmer auf mehreren Großdemonstrationen.

Bis heute blieb dieses Gesetz aber bestehen. Wie auch bei der Existenz christlicher Feiertage, liegt das an gewachsener Tradition. Selbst in sozialistischen Staaten wie China feiert man noch traditionell buddhistische Feste. Natürlich wird immer wieder geklagt, dass aufgrund der Religionsfreiheit kein religiöser Brauch einer einzigen Religion, einer vielreligiösen Gesellschaft ein Verbot erteilen dürfe. Argumentativ richtig. Dann müssten wir aber auch sehr viele andere Errungenschaften aufgeben, die auf christlich-jüdischer Religion beruhen - unter anderem den arbeitsfreien Sonntag. Das will natürlich keiner. So bleiben vorerst Gebote und Verbote unserer "abendländischen Tradition" bestehen.

Was mich daran aber wirklich stört, ist vielmehr die Tatsache, dass das Tanzverbot sich meiner Meinung nach auch durch christliche Religion nicht legitimiert.

Der Karfreitag ist der Tag, an dem Jesus laut Überlieferung ans Kreuz genagelt wird und an seinen schweren Verletzungen stirbt. Nach christlichem Glauben nimmt er mit dieser Handlung die Sünden von allen Menschen auf sich. Also eigentlich ein Anlass sich zu freuen. Das ist für die Christen immerhin das Beste, was ihnen passieren konnte, gleich nach dem ewigen Leben im Paradies, nach dem Tod. Die Befreiung von allen Sünden ist also ein Grund zum Freuen, Singen, Tanzen. Warum ist es also verboten?
Theologen argumentieren, dass wir zu diesem Zeitpunkt nicht wüssten, dass Jesus wieder auferstehen wird und wir damit auch nicht die frohe Botschaft der Auferstehung kennen würden. Faktisch ist es aber erstens so, dass sich diese Story vor knapp 2000 Jahren ereignete und wir dank umfangreicher Geschichtsschreibung durchaus gut informiert sind über den weiteren Verlauf nach dem Kreuzestod und zweitens so, dass es ja nicht die Himmelfahrt ist, die uns von den Sünden befreit, sondern das Sterben am Kreuz. Die Argumentation ist also nicht haltbar.

Ähnlich auch der Totensonntag. Wir gedenken der Toten. Gut, der Abschied von Verstorbenen ist meist ein eher ruhiger, trauernder, bei dem wir uns vor Schmerz in die Stille verkriechen. Wie kommt es aber nun zum christlich begründeten Tanzverbot am Totensonntag?
Ursprünglich verwehrten sich die Christen ja gegen einen Totensonntag, erst mit der Reformation und schließlich mit dem Erlass durch den preußischen König kam es dann zum aktuellen Feiertag. Theologen sagen, dass diese heilsame Unterbrechung durch die stillen Tage dazu einladen soll innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Im Gegensatz zur scheinbaren Bedeutung der Bezeichnung Totensonntag soll sich dieser kirchliche Feiertag auf das ewige Leben beziehen.

Doch das kann ich wiederum nicht nachvollziehen. Wenn in New Orleans Dixieland-Bands über die Friedhöfe ziehen, weiß man, dass Christentum auch anders sein kann. Nach christlichem Glauben ist ja der Tod der Eintritt ins ewige Leben im Paradies, also eigentlich wiederum ein Grund sich zu freuen. Denn endlich ist das schwere Leben auf Erden vorbei und die Freude des Himmels erwartet den Toten. So ist auch hier jegliche abweichende Argumentation sinnlos, die das Tanzen und die Freude verbieten will.

Wir sehen, dass das Tanzverbot theologisch nicht haltbar ist. Vielmehr praktizieren evangelische und katholische Kirche hier eine Art falsch verstandenen Glaubens. So lastet dann Christen das Vorurteil an, sie wären immer ernst und würden sich nie freuen. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, sollte man als Christ auch selbst etwas tun, um das Image loszuwerden. Ab und an mal Lächeln, nicht immer alles hassen, was nicht den angestammten Regeln folgt; Stillstand ist nämlich keine Lösung. Man muss einem die Freude über die Sündenfreiheit und die Erlösung auch ansehen, sonst glaubt das doch keiner. Das gesetzliche Verbot sollte abgeschafft werden. Es widerspricht nicht nur dem Gebot der Säkularisierung, und Religionsfreiheit, auch sollten Gesetze, die auf gesellschaftlicher moralischer Einstellungen beruhen im Laufe der Zeit öffentlich neu diskutiert und auf ihre Aktualität hin untersucht werden.
Wer in Ruhe, allein und ohne zu tanzen trauern will, kann dies gerne tun, wer anders trauern will, dem sollte die Möglichkeit dazu gegeben werden, ohne, dass sich derjenige strafbar macht. Denn jeder trauert auf seine Weise und es ist nicht des Staates Aufgabe uns vorzuschreiben, wie wir zu trauern haben.



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