Donnerstag, 27. August 2015

08/15 - ein Monat, wie kein anderer!



Unternehmen, Archivare aber auch sehr ordentliche Privatleute haben in diesem Monat ein Problem. In vielen Firmen erscheinen monatliche Newsletter. Diese werden fein säuberlich in einem Ordner abgelegt, versehen mit Monatszahl und Jahreszahl. Oder man versendet sie der Ordnung halber gleich mit diesem Kürzel an alle Abonnenten. Dies allerdings dürfte in diesem Monat eher zur Heiterkeit und allgemeinen Belustigung führen als zu tiefschürfender Erkenntnis.

Newsletter 08/15
Im Allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet man Dinge, die „nichts Besonderes“ sind, „unbedeutend“ oder „langweilig“ als 08/15.
Aber warum?
Der Ausdruck kommt von Maschinengewehr MG 08/15. Das erste Modell 08/08 wurde 1908 eingeführt. Das Modell hieß 08/18. Das Besondere am MG 08/15 war, dass es nichts Besonderes war.
Für den ersten Weltkrieg wurde das Gewehr in Massen produziert und da wurde auch mal an der Qualität gespart. Hatte man also ein Gewehr in der Hand, an dem irgendetwas nicht ganz korrekt funktionierte, konnte man nur mit den Schultern zucken und seufzen: „Naja, ist halt ein 08/15, das kennt man ja nicht anders.“
Eine andere Erklärung vermutet hinter dem Begriff eine Floskel für die erste Industrienorm, für das Wort „Norm“ oder „Standard“ also, sprich: „nichts Außergewöhnliches“, "nichts Besonderes", sondern Standard. In der Tat ist zwar der Kegelstift für den Verschluss des MG 08/15 durch die DIN1 beschrieben worden. 08/15 war also „immer gleich“. In den Volksmund kam der Begriff daher aber eher nicht, da über die Fertigung der Gewehre im Volk nicht so viel bekannt war und die Existenz der ersten DIN in den Wirren des Krieges wohl komplett untergegangen ist bzw. völlig nebensächlich war im Kampf ums nackte Überleben.
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs kam das Gewehr noch einmal massenhaft in Umlauf und war zu diesem Zeitpunkt natürlich hoffnungslos veraltet. Aus dieser Zeit schwingt beispielsweise die Bedeutung “veraltet“ und „nichts wert“ mit.
Als gefestigte Phrase oder geflügeltes Wort für „Alltägliches“ etablierte sich der Begriff erst in den 1950er Jahren, durch die Weltkriegs-Romantrilogie „08/15“ von Hans Helmut Kirst (1914-1989). Die Trilogie im Stil des braven Soldaten Schweijk erzählt über den Drill, den Kriegsalltag und das Kriegsende aus der Sicht des Gefreiten Asch (dem das „r“ abhanden kam). 1954 wurde der Bestseller verfilmt und lief in allen großen westdeutschen Kinos. Joachim Fuchsberger spielte die Hauptrolle.
Laut diesem Film wurden die ständigen Waffenübungen, der Drill und das Zerlegen und Zusammenbauen der Waffe schnell langweilig. Dieses „Einerlei“ und die „ständige Wiederholung“ wurden als „nullachtfünfzehn“ bezeichnet.

Und heute?
Im August 2015 sind alle Newsletter und Akten mit dieser Aufschrift verflucht als etwas Langweiliges und Unbedeutendes in die Geschichte einzugehen. Auf den Hochzeitsfotos aller Paare, die in diesem Monat heiraten, wird auf der Rückseite 08/15 stehen. Das Fotoalbum, das von Handy gezogen wird, trägt die Kennung 08/15 ebenso, wie alle Akten und Belege, Rechnungen, Quittungen und dergleichen aus diesem Monat. Selbstverständlich ist der Newsletter von diesem Monat anders betitelt, aber intern hat der Ordner trotzdem diese Kennung. Die Firma, der die 08/15 nicht auffällt, hat die Lacher auf ihrer Seite.
Einziger Trost: Das Ganze passiert nur einmal jedes Jahrhundert.

Bildnachweise: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:08_15_Logo_001.svg KG Divina-Film GmbH & Co via Wikimedia Commons
http://www.filminfos.de/cover/big/214/21455.jpg

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/MG_08-15.JPG By Richard Huber (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
 


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Mittwoch, 19. August 2015

Chantalismus 2.0 – Was man bei der Benennung seiner Kinder beachten sollte



Chantalismus nennt man die Angewohnheit junger Eltern ihre Kinder mit seltsamen Namensschöpfungen zu benennen. Es fing eigentlich alles ganz harmlos an.

Die Aufbruchsstimmung Mitte und Ende der 80er Jahre in der ehemaligen DDR führte dazu, dass junge Eltern ihre Kinder verstärkt mit englisch klingenden Namen benannten.
So besuchten Anfang der 90er viele Sandys und Mandys und Rickys die deutschen Grundschulen.

1997 lernte ich dann ein Kleinkind mit dem Namen Emma kennen. Innerlich drückte ich dem Kind mein Bedauern aus, denn Emma war ein Name, der für mich bis dahin etwa gleich attraktiv war, wie Erna, Edeltraudt und Sieglinde. Äußerlich nickte ich einfach nur. Meine Oma wurde 1890 geboren, sie hieß Erna. Aber alte Namen sind ja wieder in, merkte ich in den darauffolgenden Jahren. Auch wenn Emma für mich nie gleichziehen konnte zu Magdalena, Johanna oder Charlotte. Doch Emma trat in den letzten Jahren einen Siegeszug an und stand 2014 auf Platz 1 der beliebtesten Mädchenvornamen in Deutschland. Ein sehr schöner Blogbeitrag von Annemarie Lüning versucht diesem beispiellosen Siegeszug auf den Grund zu gehen.

Ein ähnlich gelagerter Fall war es auch als mir ein Bekannter 2001 seinen Sprössling als Ludwig vorstellte. In den folgenden Jahren lernte ich viele Ludwigs kennen und mittlerweile ist der Name nichts ungewöhnliches mehr für mich. Damals jedoch war ich verwirrt. Würden jetzt auch bald die Namen Friedrich, Gottfried und Walter wieder modern werden? Nun, Friedrich gewinnt an Fahrt, auszuschließen ist es nicht. Letztens lernte ich auf der Buchmesse einen 10-jährigen Günter kennen. Das arme Kind, dachte ich bei mir.
Ja, wie die Mode, so scheint auch die Beliebtheit deutscher Vornamen einem stetigen Wandel und der ewigen zyklischen Wiederkehr unterworfen zu sein. Etwa 80-100 Jahre liegen zwischen zwei Beliebtheitsspitzen. Was bedeutet, dass uns Karin, Sabine, Antje, Petra, Hermann, Ludger, Detlef und Steffen noch eine Weile erspart bleiben werden.

Übrigens zeitlos aktuell sind Anna, Maria oder Julia aber diese Namen wurden in den 80ern so überstrapaziert, dass Kinder in den 90ern in Schulen teilweise durchnummeriert werden mussten. Ähnliches passiert derzeit bei dem Namen Leon, wie Heino Trusheim in seinem Video „Wir Deutschen werden weniger“ orakelt.

Die Sandys und Mandys von gestern sind es nämlich, die die Kevins, Justins, Jaquelines und Chantales auf die Welt bringen. Und wir alle wissen, dass man mit so einem Namen schon mal gestraft genug ist. Einige große Tageszeitungen titelten bereits: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!“ Denn sogar Grundschullehrer haben Vorurteile gegenüber so benannten Kindern im Bezug auf ihre schulischen Leistungen. Das geht sogar so weit, dass sie schlechtere Noten bekommen, auch wenn sie die gleichen Leistungen zeigen, wie ihre Klassenkameraden Hannah und Alexander.

Dann kam ein neuer Trend auf. Der Name des neuen Erdenbürgers sollte so ungewöhnlich, wie möglich sein. Das führte zu Kindern, deren Namensgebung, den Begriff des Chantalismus geprägt hat. Es gibt auch eine entsprechende Webseite, auf der solche Namen gesammelt werden: Chantalismus
Beispiele gefällig?

Plötzlich tragen Kinder Namen von
  • Automarken (Mercedes, Chrysler)
  • Monaten (Juli, November)
  • Tieren (Tiger, Jaguar)
  • Spielen (Domino, Mikado)
  • Musikrichtungen (Jazz)
  • Himmelskörpern (Sonne)
  • Personengruppen (Prinzessin, Mädchen)
  • Landschaften (Birkenfeld)
  • Nahrungsmitteln (Gurke, Olive, Praline)
  • Getränken (Fanta, Pepsi)
  • Elementen (Iron)
  • Musikgruppen (Metallica)
  • religiösen Figuren (Messias, Jesus)
  • Berufsbezeichnungen (Pilot, Inspector)
  • und fiktiven Personen (Rapunzel, Winnetou, Pumuckl, Zorro). (Quelle 1)
Auch die Englisch-ist-modern-Welle 2.0 gewinnt langsam an Fahrt mit Namen, wie Seimen, Aprilshowers, Dixie Dot oder Bryce und Tykwer.
Ebenso sprießen überall Vornamen, wie „Sturmhart“, „Windsbraut“, „Matt-Eagle“, „Solarfried“, „Sherrif“, „Schokominza“, „Harley“, „Canon“ und „Waterloo“ aus dem Boden.

Aber jetzt kommt der nächste Trend. Chantalismus 2.0.
Man kennt das ja schon aus Brasilien oder anderen südamerikanischen Ländern. Da heißen Kinder „Adolfo Hitler“, „Himmler Hitler Göring“, „Stalin“, „Eisenhower“, „Rambo“, „Goethe“, „Einstein“ oder „Beckenbauer“.
Und auch hierzulande wurden bereits Namen zugelassen, wie „Napoleon“, „Leonardo da Vinci“ und „Ikea“. Und auch Namen von Prominenten, wie Schauspielern und die Namen von deren Kindern sind ebenso beliebt, wie die Namen von royalen Knirpsen der europäischen Restmonarchien.
Aber, dass jetzt eine ghanaische Frau ihr Kind Angela Merkel nennen darf, finde ich etwas übertrieben. Denn eigentlich ist es in Deutschland nicht zulässig Nachnamen als Vornamen zu verwenden. Deutsche Standesämter müssen sich sowieso schon mit den kuriosesten Dingen herumschlagen. Warum das also? Ist das jetzt ein Präzedenzfall?
Nein, denn es gilt bei der Namenswahl das Recht des Heimatlandes der Mutter. Eine Asylbewerberin darf also ohne weiteres ihr Kind Angela Merkel nennen, uns Deutschen bleibt das Ganze weiterhin untersagt. Manchmal haben deutsche Gesetze auch was Gutes.

10 Dinge, die man beim Namen des Kindes beachten sollte
  1. Ein Vorname sollte das Kind nicht zum Spott seiner Mitmenschen machen.
  2. Ein Vorname sollte gut zum Kind passen und gut klingen.
  3. Und die Kinder werden ja auch irgendwann einmal erwachsen. Was machen Jaqueline und Chantal dann? Früher hießen nur Damen des leichten Gewerbes mit Künstlernamen so.
  4. Der Vorname sollte nicht zu ungewöhnlich sein (jeder, der bei jedem zweiten Telefonat seinen Namen buchstabieren muss, wird mir zustimmen).
  5. Das Kind muss die Chance haben sich mit seinem Vornamen zu identifizieren. Das ist zur Entwicklung eines Selbstbewusstseins sehr wichtig.
  6. Das Geschlecht des Kindes muss aus dem Namen eindeutig erkennbar sein (deswegen lieber auf den hippen afrikanischen, alaskischen oder indianischen Namen verzichten).
  7. Maximal fünf Vornamen sind erlaubt
  8. Namen von Dingen, die im Deutschen bereits eine Bedeutung haben, sollten vermieden werden
  9. Die deutsche Schreibung von englischen Namen macht den Namen nicht cooler.
  10. Der Name darf kein Nachname sein.

Im Zweifelsfalle, liebe Neueltern, denkt immer daran, dass euer Kind mit diesem Namen ein Leben lang herumlaufen muss. Und auch der Name prägt den Charakter. Du bestimmst, ob dein Kind ein anständiger Mensch oder ein Arschloch wird.

Im Netz gefunden:


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