Donnerstag, 7. September 2017

Wahlplakat-Analyse zur Bundestagswahl 2017



Weil meine Plakatanalyse zur Landtagswahl in Sachsen im August 2014 so gut ankam, kommt jetzt 2017 Plakat-Analyse der Wahlplakate zur Bundestagswahl in Sachsen. Wobei, ich habe mir sagen lassen: Die sehen überall gleich aus.

Gleiches Spiel wie 2014: Angenommen ich bin ein Arbeitgeber und möchte jemanden einstellen. Zum Bewerbungsgespräch erscheinen 7 Kandidaten, jeder hat ein oder zwei Plakate über sich  angefertigt, mit denen er mich – den Arbeitgeber – überzeugen will ihn einzustellen. Was wird mir geboten?

Zum einen haben wir Plakate mit Köpfen und Namen, zum anderen haben wir Plakate mit Forderungen. Bei Ersterem tun sich vor allem CDU und SPD hervor, bei Letzterem tun sich vor allem Linke und Grüne hervor.

Künstlerisch bleiben alle Wahlplakate auf den letzten Plätzen. Lediglich die FDP bekommt wegen schöner schwarz-weiß Fotos einen Pluspunkt.
Farblich ist diesmal besonders Augen-Krebs angesagt. Wer bitte ist auf die Idee gekommen, das Magenta die Farbe des Sommers ist. Nicht nur von den Wahlplakaten der Grünen (hier übrigens einer unglaublich furchtbaren Farbkombination mit grün und gelb), sondern auch die der FDP sticht hier mit besonders schlimmen Farbkombinationen hervor. Während Linke und SPD sich im ewig gleichen Rot treu bleiben und die CDU auf Schwarz-Rot-Gold setzt.

Plakatanalyse zur Bundestagswahl 2017


Es bleiben also nur Text und Inhalt der Wahlplakate:
Um transparent und unabhängig zu bleiben gehen wir alphabetisch vor.
  • CDU:

Frau Merkel hat man lange gar nicht angemerkt, dass sie sich im Wahlkampf befindet, hätte man sie nicht irgendwo in der Innenstadt auf Plakaten gesehen: „Für ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben.“
Es gibt Menschen in Deutschland, die gut leben, es gibt Menschen in Deutschland, die gerne hier leben. Es gibt aber auch die anderen. Gesetzt dem Fall, dass Merkels Wahlplakat wirklich eine Art Wahlkampf sein soll, müsste die Aussage also lauten: „Die CDU setzt sich ein für diejenigen, die in Deutschland nicht gut leben und nicht gerne hier leben.“ Eine denkbar schlechte Zielgruppe für eine Wahl.
Daneben wirkt der Dr. Feist (Leipziger Kandidat) wie ein unnahbarer Typ. Nicht nur weil ihn der Fotograf von unten geknipst hat und der Mann auf dem Wahlplakat, das hoch oben an einem Mast hängt, gleich doppelt auf einen herunterguckt.
Das Band aus Schwarz-Rot-Gold wirkt gleichermaßen identifizierend, wie trennend. Wie das Band am Flughafen. Zudem ist sein einziges Argument ihn zu wählen, dass er aus der gleichen Stadt kommt, wie der Wähler. Auch das Großformatfoto macht es nicht besser: Er sitzt an einem Tisch und unterschreibt etwas, schaut aber nicht hin, was er da unterschreibt. Sehr politsouverän.

  • Die Linke:


Die Linke fordert! Kurz zusammengefasst geht es auf den Plakaten um die Forderung nach finanzieller Gerechtigkeit für alle. Niedrige Mieten, hohe Renten, hohe Löhne… ach ja und gegen rechts und für Abrüstung.
Und das ganze angleichen: Also wer viel hat, muss viel geben, wer wenig hat mehr bekommen. Damit treffen sie ins Herz der Mecker-Fraktion unter den Wählern. Die der Neid-Gockel: Der da verdient mehr als ich, das ist nicht fair. Es geht aber auch um Protest.

Ein doppeldeutiges Plakat, das sowohl Lust auf die Linke signalisiert aber gleichzeitig keine Lust mit Bestehenden Systemen. Wer so freizügig mit Textschwärzung hantiert, bei dem sollte man in Zukunft etwas genauer hinsehen.
Die Linke zeigt aber auch Kopf: Regions-Spitzenkandidaten Bartsch und Pellmann - und Frau Wagenknecht. Alle mit Schräger Schrift, die macht hip und modern. Gähn.

Und alle mit kämpferischem Spruch. Immerhin tritt Frau Wagenknecht hier mit dem Wähler in direkte Konversation, wenn sie um dessen Unterstützung wirbt.

  • FDP:

Der Postillon interpretierte die Gestaltung der FDP-Wahlplakate am treffendsten: Werbung für einen Herrenduft. Ja, typische Parfümplakate sehen so aus. Ein unlogischer Spruch, ein attraktiver Mann in schwarz-weiß, der irgendwo hin schaut, nur nicht zur Kamera.
„Digital First. Bedenken Second.“ Steht in einer irren Farbkombination neben dem Bild eines jungen Mannes, der auf sein Smartphone schaut. Im Straßenverkehr würde das bedeuten: „Hauptsache erreichbar. Bedenken, weil ich immer runtergucke? Nö.“ Egal, die Plakate wirken. Es ist ja auch clever statt einem einfachen Spruch auf den großen Plakaten etwas mehr Text unterzubringen. Zum Beispiel zum Thema Bildung. Ein Topthema übrigens, das keine andere Partei bei den Wahlplakaten aufgegriffen hat. Da übersieht man gerne, dass sich zwei der Plakate irgendwie widersprechen:
„Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer.“ Das hebt die Bildungspolitik und die Wissenschaft hervor gegen die Wirtschaftslobbyisten und Bankenmanager, die aber gleichfalls unter dem Schutz und Schirm der FDP stehen: „Jetzt wieder verfügbar: Wirtschaftspolitik.“ Ja, was nun? Oder geht etwa beides?

  • Grün (das steht auf den Plakaten drauf):

Bei den Grünen geht es um alles oder nichts.
Beim ersten Mal durchlesen verwirrend, beim zweiten Mal schlüssig, beim dritten Mal verwirrt: Wieso ist ohne Umwelt alles nichts. Als Gleichung ausgedrückt: -Umwelt = alles = nichts. Das begreift weder Mathematiker noch Physiker noch Biologe. Also fallen die schon mal als Zielgruppe raus. Grüne Zielgruppe sind ja in allererster Linie diejenigen, die sich bei Castor-Transporten an die Schienen ketten.

Dann geht es auch noch um weniger und mehr, um klein und groß, um gleich und gleich und zum Schluss dann doch ums Klima. Früher an Anti-Atomenergie geknüpft, jetzt an Anti-Kohleenergie geknüpft. Damit aber die Grünen nicht mehr nur als Öko-Hippies wahrgenommen werden, wirbt jetzt Spitzenkandidat Özdemir auch für die Stimme der Wirtschaftslobbyisten.

  • SPD:

Martin Schulz als Allheilmittel für sinkende Wählerzahlen? Bei der SPD glaubt man dran. Deshalb sucht man nach Plakaten mit Inhalten auch weitgehend vergebens. In der Innenstadt fand ich ein, zwei Plakate mit dem Regionskandidaten Katzek, der auf dem Bild sehr sympathisch rüberkommt, was sicherlich am offenen Hemd und der fehlenden Krawatte liegt. Mehrheitlich pflastert aber das Konterfei von Martin Schulz die Laternenpfähle in den Städten. Auch wenn die meisten Plakate nur für den Liveauftritt werben. Ganz vereinzelt findet man auch Inhalte (zumeist auf den Großformatplakaten). Die SPD sieht sich als Problemlöser Europas, als laut und fordernd und erhofft sich aus Europa gemeinsame Stärke.


Jetzt noch kurz zu den Kleinstparteien und Spinnern (ich sage nicht wer was ist):

  • Die verbalen Entgleisungen der Herrschaften der AfD durften wir ja vielerorts schon erleben. Die Wahlplakate wirken hingegen sehr niedlich. Hier ein süßes Schweinchen, da ein Süßes Baby, dort ein süßes Mädel…
    Wie ein Wolf im Schafspelz, denkt man sich, wenn man dann die Texte zu den Bildern liest. Konservativ, Sexistisch, Fremdenfeindlich sind dann schon eher Worte, die einem dazu einfallen. Die AfD ist ein wunderbares Beispiel wie in einer ursprünglichen mitte-rechts-Partei der rechts-konservative nationalistische Flügel das Ruder an sich gerissen hat und eine rechts-nationalistische Partei entstand. Genau, wie die Linken deckt die AfD die Meckerer als Zielgruppe ab und wirbt mit populären Themen, die bei dem Großteil der Bevölkerung Fragezeichen in die Augen treibt: Zuwanderung: Ja, nein? Euro: Ja, nein? Doch hier ist es nicht nur die Angst vor Neuem, sondern es ist vielmehr der Hass auf den Neuen die treibende Kraft. Angesichts der verbal vorgetragenen Hassparolen von AfD-Spitzenkandidaten bin ich froh, dass die Plakate so vergleichsweise harmlos ausgefallen sind.

  • Das Ganze in Links ist die MLPD. Wer noch nix von ihnen gehört hat: Marxistisch Leninistische Partei Deutschland, praktisch Honeckers Vorbilder. Sie fordert die Politik für den Arbeiter ein. Nicht für den Forscher, nicht für den Programmierer, nichts für den Versicherungskaufmann und erst recht nicht für den Milliardär. Man fühlt sich an die Plakate der SPD und der Linken erinnert. Doch die MLPD will mehr. Wie auch damals die SED setzt sie sich gegen die imperialistische Aggression ein. Dass diese Partei eine reine Protestpartei ist, wird einem spätestens jetzt klar: Protest ist also immer links. Gut. Darüber dann also die Partei für die die MLPD ihre Werbung macht: Links. Nein, es geht nicht um Protest, es geht darum nicht rechts zu sein. Deshalb hat sie sich nicht auf die Internationale Liste, sondern auf die Internationalistische Liste setzen lassen. Klingt auch gleich viel kämpferischer. Gleichzeitig aber bejubelt diese Partei die internationale Solidarität. Solidarität mit wem wird hier zwar nicht erwähnt, aber wie ich die Genossen kenne, werden es wohl Parteifreunde sein. Dass die angesprochenen Themengebiete auch von den rechtsgelagerten Parteien genannt werden, ist an dieser Stelle ein netter Sidefact.

  • Unbedingt in die Plakatanalyse reinkommen wollten die Piraten, die mir sogar Plakate zugeschickt haben. Man glaubt es nicht, aber die gibt’s tatsächlich noch. Die sind farblich von einem Fröhliche-Sonne-Orange zu einem Letzte-Hoffnung-Lila gewechselt. Beides in Kombination passt ausnahmsweise mal und macht nicht sofort Augenkrebs.
    Voll versteift auf das Thema Digitalisierung (was auch immer konkret damit gemeint ist) haben die Piraten aber glatt vergessen auf ihre Forderungsplakate ihre Internetadresse draufzudrucken. Und bei dem hingebastelten Smartphone in den Krallen des Bundesadlers (symbolisch für Überwachung) war bei der Plakaterstellung scheinbar auch keiner vor Ort, der mit Photoshop umgehen konnte. Man weiß, dass es ehrlich gemeint ist, aber wer bitte kam auf die Idee den Hintergrund der „Spitzenkandidatin“ (ich geh mal davon aus, dass die Dame mit den rot gefärbten Haaren, dem Hoodie und dem Smartphone dies darstellen soll) mit Bling-Bling-Glitzer-Steinchen zu garnieren? Das macht vollkonfus. Oder wurde da ein noch unpassenderer Hintergrund von einem Photoshopunkundigen retuschiert? Man weiß es nicht. 

  • Kein Geld für eigene Wahlplakate hatte offenbar das „Bündnis Grundeinkommen“. Was immerhin schon die Hauptforderung an sich gut illustriert: Ohne Grundeinkommen kein Geld für Wahlplakate. Flyer und Handzettel zu machen ist eine Sache, sie aber kackendreist an die Wahlplakate anderer dranzustecken finde ich schon ein wenig schäbig.

  • Ach ja, und da waren noch die Leute von BüSo, die irgendwas von Seidenstraße erzählten.
    Eine Seidenstraße wollen sie scheinbar schaffen – für die Zukunft Deutschlands. Hier ist präzises Geschichtswissen gefragt. Was war die Seidenstraße und was soll die neue Seidenstraße sein? Nun, letzteres wird nirgendwo beantwortet und so bleibt uns auch diese Partei eine Erklärung schuldig und lässt das Interesse wie Seide im Wind verwehen.

Die Ziele sind häufig so breit angelegt, dass praktisch jede Partei ihren Stempel hätte daruntersetzen können:

Alle wollen beispielsweise  in diesem Wahlkampf „Soziale Gerechtigkeit“. Der Unterschied: Die SPD versteht darunter Chancengleichheit, die Linke versteht darunter Einkommensgleichheit. Und die Grünen wollen, dass die Vielfalt gerecht verteilt wird. Und die Piraten wollen, dass die Digitalisierung gerecht gestaltet wird.
Probleme lösen statt aussitzen fordern sowohl Grüne als auch SPD:






 

Grüne und MPLD machen sich beide sorgen um die Umwelt:








Linke und Grüne treffen sich beim Thema Armutsbekämpfung:








Linke, MLPD und SPD treffen sich beim Thema Renten:








FDP und Grüne kümmern sich beide um Wirtschaftsinteressen:


 

 

 

Kurz vor Schluss geht dann die Plakatwerbung noch einmal in die Vollen. Linke, SPD und FDP signalisieren Ungeduld mit nichtssagenden Sätzen, wie: "Es ist Zeit" oder "Warten wir nicht länger". 
Parteien, die es angeblich nicht erwarten können, endlich gewählt zu werden, die aber wesentlich mehr Zeit bräuchten, um wesentlich mehr Wähler zu mobiliseren.

Was wurde dieses Mal besser gemacht?

Das wars soweit von meiner Seite. Noch ein kurzer Check, was umgesetzt wurde von meinen Forderungen von 2014:
  • Kurzbiographie der Kandidaten: Gut, aus der Presse wissen wir diesmal fast alles über sie, aber irgendwie legt auch die Presse eher Wert auf Hobbys als auf Ausbildung und Eignung der Kandidaten. Seltsam.
  • Platznutzung auf Wahlplakaten für Inhalte/ Wahlprogramm auf dem Plakat: Laut einer aktuellen Studie der Uni Hohenheim ist die Verständlichkeit von generell Wahlprogrammen gestiegen. Am verständlichsten sind die Wahlprogramme der Unionsparteien, es folgen die Grünen und die Linke. Ein Kurzprogramm auf dem Plakat haben wir aber nicht. Besser irgendeine Forderung statt nur Köpfe haben sich wenigstens Grüne und Linke gedacht, aber Details wären wichtig. Die lieferte nur die FDP auf den großen Plakaten.
  • Barcode für Smartphones: Gab es keine, dafür stehen ab und an Internetlinks da, wie bei den Linken und bei der FDP. Und bei BüSo steht immerhin eine Telefonnummer für Rückfragen.
  • Freier Dialog auf freien Plakatflächen: Nirgendwo wird dazu aufgefordert sich  zu einem Dialog auf der Basis der Plakatwand aufzuschwingen, einen Pluspunkt erhält dennoch die FDP für konsequente Freiflächen. Rund um die Erläuterungstexte zu den Slogans ist viel Platz für Kommentare. Ein Wähler nutzte den Platz auch… wenn auch nur für einen Drachen mit Dollaraugen und großen Ohren.
  • Content Management: Indem man auf die Wünsche der Kunden eingeht, schafft man eine Bindung an die Marke. Aber so wirklich hat sich die konservative Parteienwelt noch nicht in dieser neumodischen Marketingwelt wiedergefunden.

Zum Schluss noch mein diesjähriger Wahlplakatfavorit, wie immer ohne Präferenz für die Partei:




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